Urheberrecht mal anders

Neulich im Internet: Es wird heftig diskutiert über eine aktuelle Abmahnwelle. Da soll ein Webseitenbetreiber einen vierstelligen Betrag an eine Bildagentur zahlen, weil er eine Wolke aus dem Bestand der Agentur auf seiner Webseite hatte.

Ein weiterer Fall: Eine Webseitenbetreiberin kauft eine Lizenz für ein Bild von einer Firma, das sie dann auf ihrer Webseite verwendet. Acht Jahre später – das Unternehmen existiert inzwischen nicht mehr – bekommt sie eine Abmahnung von einem anderen Unternehmen, das behauptet, schon immer die Rechte an diesem Bild gehabt zu haben. Rechnung und ordentlich erworbene Lizenz werden nicht anerkannt. Sie kauft von dem zweiten Unternehmen eine neue Lizenz für das Bild.

Noch ein Fall (nicht nur aus dem Internet): Eine „Autorin“ veröffentlicht in einem großen Publikumsverlag ein Buch, das sie aus diversen anderen Werken abgeschrieben hat. Sie beschreibt darin Dinge, die nicht sie, sondern andere erlebt haben, nicht mit ihren, sondern mit deren Worten. Nachdem die Beweise auf dem Tisch liegen, gibt sie es zu, nennt ihr Machwerk ein „Remix“ und ihr Tun „Intertextualität“. Unrechtsbewusstsein: Fehlanzeige.

„Autorin“ und Verlag bekommen eine saftige Abmahnung, das Buch wird Makulatur. Der Vertrag mit der „Autorin“ wird vom Verlag fristlos gekündigt, eine Vertragsstrafe obendrein fällig. Der Verlag kauft die Rechte des Originalwerkes und veröffentlicht dieses umgehend. Es wird mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet und stürmt die Bestsellerlisten.

So weit der gesunde Menschenverstand.

Die Realität: Die „Autorin“ wird hofiert, viele Medien wiegeln ab, sehen „trotzdem Talent“, suchen eifrig weitere Argumente zur Rechtfertigung des Diebstahls. Die Jury beschließt, sie auf der Nominierungsliste für den Preis der Leipziger Buchmesse zu lassen, weil sie „extrem begabt“ sei. Der Verlag bedauert, holt nachträglich die Urheberrechte bei einem der Originalautoren ein, sieht aber ansonsten keine Veranlassung, auf diese Einnahmequelle aus gutem Hause zu verzichten.

Die Moral von der Geschicht: Wer in der richtigen Kantine gegessen hat, braucht sich über manche Dinge keine Sorgen zu machen.

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P. S.: Ob die Bildagenturen inzwischen akzeptieren, wenn man die Verwendung ihrer Bilder ohne Lizenz mit „Interimagoalität“ begründet, ist mir nicht bekannt.

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5 Kommentare

  1. pinzipiell ist vor allem der fall helene h. sehr fragwürdig. die abmahnwelle steht zur intertextuellen auslegung des buches und damit dem urheberrecht 2.0 in einem krassen widerspruch.
    das buch wurde allerdings bisher nur für den preis der leipziger buchmesse nominiert, die jury gibt die preisträger erst am 18.3. bekannt. hier im text heißt es einmal „ausgezeichnet“ und einmal „nominiert“. sicherlich im eifer übersehen…

    Antwort
  2. ah, also ein blick in die zukunft. nun, ich werde mir einfach die preisverleihung antun.

    Antwort
  1. Misc. « nachgetragen!
  2. Nachgetragen: Strobo « nachgetragen!

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