Päpstliche Erkenntnis

Tage- und wochenlang könnte man sich über unseren Outsideminister auslassen – er bietet eine schier unendliche Menge Stoff. Aber wir sind ja auch noch Papst.

Ein abscheuliches Verbrechen ist also der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. Vermutlich sollen wir froh und dankbar sein, dass das Oberhaupt der katholischen Kirche sich der neu aufgedeckten Missbrauchsfälle so aufrecht und brutalstmöglich annimmt.

Wer konnte denn auch ahnen, dass auffällig gewordene Priester, die man unauffällig versetzt, erneut ihre Finger nicht bei sich halten können? Mangelnde Transparenz, verschwiemelte Reaktionen auf Verdachtsmeldungen, Geheimhaltung und defensives Kleinreden sind im Klerus noch immer gang und gäbe. Straffällig gewordene Priester wurden bislang lediglich versetzt und mitunter sogar vor dem Zugriff der Staatsanwaltschaft geschützt. Sie konnten daher munter weiter sündigen.

Das schrieb Spiegel Online. Im Jahr 2002. Und das, wo doch Kardinal Joseph Ratzinger dafür gesorgt hat, „dass 2001 die kirchliche Strafverfolgung verbessert und die Strafen verschärft wurden“.

Im Gegensatz dazu behauptet die BBC-Dokumentation „Sex Crimes and the Vatican“ von 2006, dass es eine Anweisung gegeben habe, solche Fälle geheim zu halten und zu vertuschen, was natürlich aus Rom heftig dementiert („Fehlinterpretation“), aber auch von anderer Seite hinterfragt wurde.

Tatsache ist: Hätte der Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin, Pater Klaus Mertes, mit seinen Briefen an die ehemaligen Schüler des Kollegs nicht versucht, das ganze Ausmaß des Skandals bei den Jesuiten aufzudecken, hätten längst nicht so viele Opfer den Mut gefunden, sich zu melden, wie es jetzt der Fall ist.

Eine Lawine scheint losgetreten, die hoffentlich unter keinen Teppich mehr passt. Den päpstlichen Zeigefinger zu schwingen und entrüstet zu gucken, hilft da genauso wenig, wie mit bebender Stimme alte Wahrheiten zu verkünden. Ja, der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen (und übrigens nicht nur der) ist ein abscheuliches Verbrechen. Aber das wussten wir schon lange, Herr Papst.
Sie auch?

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