Journalisten vs. gesunder Menschenverstand

Mal wieder, immer wieder ein Thema: Denken Journalisten auch mal nach beim (Ab-)Schreiben bei Copy-Paste?

Da wird am 27.2.2010 ein Erdbeben der Stärke 8,8(!) um 7.34 MEZ direkt vor Chiles Küste gemeldet. Um 11.00 MEZ ist in den Radionachrichten zu hören, dass es große Schäden an Gebäuden gibt, dass besonders ältere Bauwerke eingestürzt sind und dass ein von diesem Erdbeben ausgelöster Tsunami im Pazifik unterwegs ist.  Weiterhin werden sechs (6) Tote gemeldet.

Wollen die mich verarschen? Jedes Schulkind kann sich an den Fingern ausrechnen, dass die Zahl der Opfer weit höher liegen wird. Was denkt jemand, der solche Nachrichten schreibt? Und was derjenige, der solche Nachrichten von den Nachrichtenagenturen übernimmt? Denkt überhaupt jemand dabei?

Um 16.52 MEZ liegt die Zahl der Nachrichten-Toten bereits bei 85, um 17.52 Uhr bei 122*. Bin ich sehr verwegen, wenn ich behaupte, die Zahl wird letztlich weit höher liegen?

Auch beim Erdbeben in Haiti am 13.1.2010 war in den ersten Radionachrichten von etwa 20 Toten, dann von „Hunderten“ die Rede. Heute schätzt die Regierung die Zahl der Opfer auf mehr als 210.000.

Nach den am 26.12.2004 in den Radionachrichten geschätzten 60 rechnete man am 27.12. nach dem Erdbeben vor Indonesien mit nachfolgendem Tsunami immerhin schon mit „mehr als 11.000 Toten“. Am 28.12. verstieg man sich zu der mutigen Aussage von 24.000 Toten. Wir erinnern uns: Die letzten Zahlen liegen auch hier bei weit über 200.000 Opfern.

Wäre der Anlass nicht jedes Mal ein so schrecklicher, es wäre lachhaft. Da erzählt mir ein Nachrichtensprecher, dass ein Tsunami eine Insel überrollt hat und sämtliche Kontaktmöglichkeiten dorthin unterbrochen sind und verkündet im gleichen Atemzug etwa 60 Tote.

Es ist keine besonders zu würdigende journalistische Leistung, zwei Stunden nach einer Katastrophe die amtlich und von den großen Nachrichtenagenturen bestätigten Toten zu melden, wenn mit ein bisschen gesundem Menschenverstand klar ist, dass diese Zahl nicht annähernd wiedergibt, was tatsächlich passiert ist. Auch das reflexartig davorgesetzte „mindestens“ oder „nach offiziellen Angaben“ reißt es nicht raus.

Warum ist es überhaupt so wichtig, zwei Stunden nach einem Erdbeben Opferzahlen zu nennen? Kann man damit Quote reißen? Sich als besonders seriös darstellen? Was soll der Quatsch? Lasst es einfach bleiben! Der Nachrichtenwert solcher Zahlen ist gleich null!

*tagesschau.de passt die Zahlen an, ohne den Link zu erneuern.
Stand 20.23 Uhr: 140
Stand: 28.02.2010 03:46 Uhr: 300

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Nachtrag: Wenn man dann bei den Nachforschungen zum Thema auch noch solche Meldungen findet, könnte man den letzten Glauben an die Menschheit (Freud’scher Verschreiber: zuerst hatte ich Menschhaie getippt) endgültig verlieren:
Schadensbilanz der Versicherungen: Tsunami „nicht bedeutsam“

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