Manches ändert sich nie …

Manchmal liest man Bücher, die geschrieben wurden, bevor man geboren war. Und plötzlich meint man beim Lesen, aktuelle Nachrichten in der Hand zu haben.

„Als im August der Gewerkschafter Aissat Idir im Krankenhaus an den Folgen seiner Brandwunden starb, wurde eine Untersuchung eingeleitet: Als Internierter im Lager von Bitraria war er im Januar eines Nachts auf einer brennenden Strohmatratze aufgewacht. Trotz nachdrücklicher Proteste … lautete die Schlussfolgerung, dass er das Feuer durch eigene Unachtsamkeit verursacht habe.“

1963: Simone de Beauvoir, Der Lauf der Dinge

„Heute vor genau fünf Jahren kam an diesem Ort im Gewahrsam der Polizei ein Mensch unter mysteriösen Umständen ums Leben. Er verbrannte in einer der Kellerzellen der Polizeistation von Dessau. Der 37-jährige Asylbewerber Oury Jalloh. Auf dieser Matratze starb er. Angeblich hatte er sich mit einem Feuerzeug selbst angezündet. Und das, obwohl er an Händen und Füßen gefesselt war und die Matratze eine feuerfeste Ummantelung hatte.“

7.1.2010: Monitor, Oury Jalloh. Neuer Prozess um Polizei- und Justizskandal in Dessau

„Im Dezember veröffentlichten Témoignage Chrétien und nachher Le Monde den Bericht eines Priesters, eines Reserveoffiziers, über die … erteilten Weisungen: «Capitaine L. hat uns fünf Richtlinien gegeben …: 1. Die Folter muss angemessen sein. 2. Sie darf nicht in Anwesenheit Jugendlicher stattfinden. 3. Es dürfen keine Sadisten anwesend sein. 4. Sie muss von einem Offizier oder einem Verantwortlichen durchgeführt werden. 5. Sie hat vor allem human zu sein, das heißt, sie muss aufhören, sobald der Mann zu reden beginnt, und sie darf vor allem keine Spuren hinterlassen. Die Schlussfolgerung lautete, dass man unter diesen Voraussetzungen berechtigt sei, Wasser oder elektrischen Strom anzuwenden.»“

1963: Simone de Beauvoir, Der Lauf der Dinge

„Das amerikanische Justizministerium wurde Ende 2004 nicht müde, die Anwendung von Folter bei Verhören zu geißeln. Diesen „abscheulichen“ Methoden stehe man fern. Es schien, als ob man von der Haltung George W. Bushs abrückte, der einen Freischein für die Anwendung brutaler Verhörmethoden ausgestellt hatte.
Doch als im Februar 2005 der inzwischen zurückgetretene Alberto Gonzales ins Justizministerium einzog, wehte dort bald ein anderer Wind. Wie die „New York Times“ unter Berufung auf Beamte im Ministerium berichtet, setzte Gonzales insgeheim Richtlinien durch, nach denen auch die rauesten Verhörmethoden seine Billigung fanden.
Physisch und psychisch schmerzhafte Verhörmethoden wie Schläge gegen die Köpfe von Terrorverdächtigen waren ausdrücklich genehmigt. Ebenso durfte simuliert werden, der Verdächtige werde ertränkt, sollte er nicht reden. Auch war es erlaubt, Inhaftierte in heruntergekühlten Räumen zu halten.“

4.10.2007: Spiegel Online, Kampf gegen Terror. Die geheime Folter-Doktrin der USA

Immerhin findet Obama Folter doof und deshalb ist jetzt alles gut. Schließlich ist ja auch Guantanamo schon seit Anfang 2010 geschlossen.

Und falls doch noch gefoltert wird, weil das Etikett „Folter“ einfach durch das Etikett „Verhörmethode“ ersetzt wird, wird die Veröffentlichung der Bilder verboten. Es ist anzunehmen, dass dieses Gesetz tadellos funktioniert.

nachgetragen


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