Krieg? Krieg!

Na, da hat Wikileaks ja einen echten Knaller gelandet. An Merkel perlt vieles ab, Westerwelles Außenminister-Schuhe sind ihm ein paar Nummern zu groß, ein Entwicklungshilfeminister, der das Ministerium eigentlich abschaffen wollte (vor seiner Ernennung, jetzt natürlich nicht mehr), ist eine schräge Wahl, Berlusconi ist ein aufgeblasener Selbstdarsteller und Sarkozy ein kleiner Despot. Und um das festzustellen, brauchen wir Wikileads? Nö. Um zu wissen, dass Politiker von anderen eingeschätzt und beurteilt werden, damit die eigene Regierung weiß, mit wem sie es zu tun hat, auch nicht. Und selbst dass die USA keine gleichberechtigten Partner an ihrer Seite zulassen, sondern allenfalls freundlich gesinnte Konkurrenten, kann man wissen, ohne dafür in diplomatischen Kreisen verkehren zu müssen.

Diese ach so brisanten Enthüllungen sind derzeit vor allem eines: eine wunderbare Ablenkung von den echten Knallern. Wie zum Beispiel diesem: „Die Sicherung der Handelswege und der Rohstoffquellen sind ohne Zweifel unter militärischen und globalstrategischen Gesichtspunkten zu betrachten.“ So gesprochen von und zu Kriegsminister Anfang November.

Steht zwar schon seit 2006 im Weißbuch der Bundeswehr, blieb aber bis vor Kurzem noch ziemlich unbeachtet. Bis sich Horst Köhler verplapperte(?) und den Boden bereitete. Die Bevölkerung soll sich offensichlicht schon mal an den Gedanken gewöhnen. Inzwischen ist aus dem vorsichtigen Anschleichen ans Thema das Bahnen des Weges mit der Planierraupe geworden. Ganz offen werden „soldatische Tugenden“ wieder erstrebenswert und verdienen Anerkennung und Auszeichnung. Tote Soldaten werden wieder zu gefallenen Helden, tote Zivilisten in den bekriegten Ländern sind wie schon immer Nebensache – nur dass sie im Zeitalter des Euphemismus und der Verschleierung Kollateralschäden genannt werden.

Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland wurde geschaffen unter dem Eindruck des Zweiten Weltkrieges. Nie wieder sollte von deutschem Territorium Krieg ausgehen, nie wieder sollten deutsche Soldaten außerhalb Deutschlands agieren. Vorbei. Deutschland wird ganz offiziell wieder zur Kriegsnation.

Spontan fällt mir BAP – „Drei Wünsch frei“ dazu ein, aus dem Jahr 1985. Das ist 25 Jahre her. Immer noch aktuell, nur ein paar Namen wurden ausgetauscht. Aber dass deutsche Soldaten eines Tages wieder in Angriffskriege ziehen, hätte sich damals wohl selbst der größte Pessimist nicht träumen lassen.

Wo sinn die Schlachte ahn der Marne?
Wo’s My Lai, Hiroshima,
die Bombernäächte, Hamburg, London,
wa’s met Beirut, Guernica?
Sinn die Massaker all verdräng,
vun Kalavrita bess Warschau?
Ich kenn vun all dämm zwar nur Bilder,
doch die kenn ich janz jenau.
Aja die Fee vum Ahnfang – stemp,
do wöhr vun drei Wünsch jo die Red‘,
op zwei verzicht ich jähn,
wenn bloß dä eezte en Erfüllung jeht.
Wa’sch mir jewünscht hann, wollt ihr wesse,
deit mer leid, dat ess jeheim,
weil dä Verfaasungsschutz
es mittlerweile och he drinn doheim.
Wo sind die Schlachten an der Marne?
Wo ist My Lai, Hiroshima,
die Bombernächte, Hamburg, London?
Was ist mit Beirut, Guernica?
Sind die Massaker alle verdrängt,
von Kalavrita bis Warschau?
Ich kenne von all dem zwar nur Bilder,
doch die kenne ich ganz genau.
Ach ja, die Fee vom Anfang – stimmt,
da war von drei Wünschen ja die Rede.
Auf zwei verzichte ich gerne,
wenn bloß der erste in Erfüllung geht.
Was ich mir gewünscht habe, wollt ihr wissen?!
Tut mir leid, das bleibt geheim,
weil der Verfassungsschutz
ist mittlerweile auch hier drin daheim.

Hier der komplette Text mit Übersetzung: http://www.bap.de/musik_songtexte_popup.php?id=124

nachgetragen

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3 Kommentare

  1. dieblaueneu

     /  30. November 2010

    Diese ach so brisanten Enthüllungen sind derzeit vor allem eines: eine wunderbare Ablenkung von den

    „“echten Knallern““. Wie zum Beispiel diesem:

    „Die Sicherung der Handelswege und der Rohstoffquellen sind ohne Zweifel unter militärischen und globalstrategischen Gesichtspunkten zu betrachten.“

    ——–
    Frage?

    Was soll daran ein Knaller sein.

    Antwort
    • In ein fremdes Land einzumarschieren und Krieg zu führen, um seine wirtschaftlichen Interessen und Rohstoffquellen zu sichern, ist nicht das, was ich mir unter zeitgemäßer Politik vorstelle. Überhaupt sehe ich Krieg nicht als legitimes Mittel an, irgendetwas durchzusetzen. Dass es wieder möglich ist, in Deutschland so etwas öffentlich zu sagen und eine solche Politik ganz offen zu betreiben, ist in meinen Augen der Knaller, der eine wesentlich breitere Resonanz verdient hätte, als er angesichts der ihn verdrängenden Nachrichten über Teflon-Kanzlerinnen und ähnliche Wichtigkeiten erhalten hat.

      Edit 1.12.2010: Auch die echten Knaller, die sich in den aktuell von Wikileaks veröffentlichten Dokumenten verbergen, werden bei der Aufregung um Offensichtliches ganz elegant beiseitegeschoben.

      Antwort
  1. nachgetragen 2010: Statistik « nachgetragen!

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