Wikileaks zeigt: Es gibt noch Hoffnung

Man muss Julian Assange nicht mögen. Man kann ihn sogar ganz aktiv blöd finden. Vielleicht ist er ein arroganter Selbstdarsteller oder hat einen autoritären Führungsstil. Vielleicht aber auch nicht. Ich weiß es nicht, es ist mir auch egal. Denn Assange ist zwar der Gründer von Wikileaks, aber er ist nicht die Organisation, sondern ihr Gesicht, auf das sich dumpf die reaktionären Elemente einschießen.

Er hat sich den Behörden gestellt (Schlagzeilen wie „Assange verhaftet“, „Flucht beendet“ oder Ähnliches machen natürlich viel mehr her als „Er ging selbst zur Polizei“) und damit Mut bewiesen und das einzig Richtige getan (vielleicht schauen Sie noch mal genau hin, wie’s geht, Herr Polanski?). Sollen die schwedischen Gerichte klären, ob er sich strafbar gemacht hat oder nicht. Diejenigen, die ihn per se für unschuldig halten, weil seine Organisation Wikileaks gute Arbeit macht, und nun auf die bösen feministischen Schlampen eindreschen, die es wagen, ihn mit Schmutz zu bewerfen, können dies genauso wenig beurteilen wie diejenigen, die Assange aus dem gleichen Grund für jeder Teufelei fähig halten und für den Untergang der Politik (und damit ihrer Privilegien der ganzen Welt) verantwortlich machen. (Über die zeitlichen Abläufe und einiges andere kann man sich allerdings sehr wundern.)

Was man aber auf keinen Fall tun sollte, ist so einen offensichtlich manipulativen schlecht recherchierten Kommentar ins Internet zu stellen wie Stefan Kornelius bei der SZ.

Julian Assange ist kein Heiliger? Soll wohl heißen, wer nicht mindestens den Segen vom Papst hat („Voraussetzung sind Martyrium oder heroischer Tugendgrad des Betreffenden sowie im Falle des Nicht-Martyriums der Nachweis eines Wunders.“), darf nicht daran mitarbeiten, Geheimnisse, Lügen und das wahre Gesicht von Politik aufzudecken.

Wobei der Aspekt mit dem Martyrium höchst interessant ist – wahrscheinlich für Assange selbst weniger –, denn ich bin mir sicher, dass es bereits Kräfte gibt, die daran arbeiten.

Und dann verlässt Assange Schweden auch noch, nachdem der Haftbefehl gegen ihn aufgehoben wurde. Das ist mal wirklich ein echter Hammer.

Aber es gibt Hoffnung. Die zum jetzigen Zeitpunkt 352 Leserkommentare zum Artikel entlarven dessen Schwächen und Manipulationsversuche schonungslos. Es gibt sie noch, die denkenden Menschen, die sich nicht jeden Schwachsinn vorsetzen lassen. Und dank Organisationen wie Wikileaks werden es hoffentlich immer mehr.

Wer sich übrigens die wirklichen Knaller der veröffentlichten US-Depeschen ansehen möchte, die über mehr Auskunft geben als über Putins Alphatier-Verhalten und Merkels Fantasielosigkeit, sollte sich beim Guardian umschauen. Denn im Gegensatz zur deutschen Presse hat dieser es geschafft, die „Cables“ wirklich aufzubereiten und vor allem lesbar zur Verfügung zu stellen, anstatt mit Boulevardnachrichten und Informationshäppchen eine Ablenkungstaktik zu fahren.

Dort finden sich dann beispielsweise Schätzchen wie „Shell sagt ’wir haben Leute in allen wichtigen nigerianischen Ministerien’“. Was besonders interessant ist vor dem Hintergrund solcher dreisten Lügen Äußerungen:

Shell ein „Staat im Staate“ oder „Corporate Citizen“?

Ein mächtiger Staat im Staate, der sein Geld auf Kosten von Mensch und Umwelt verdiene, sagen die Kritiker. Pressesprecher Bobo Brown von Shell Nigeria wehrt sich – und schiebt den Schwarzen Peter der nigerianischen Regierung zu: „In Wahrheit sind wir doch nur eine Firma und keine Parallel-Regierung“, sagt er. Shells Einfluss auf die Regierung Nigerias habe seine Grenzen – und das sei auch gut so. „Denn Shell versteht sich als sozial engagiertes Unternehmen, als ‚Corporate Citizen‘“, so der Pressesprecher.

Quelle: tagesschau.de

Was die gern als Umweltspinner und Ökofreaks abgewerteten Mahner schon lange anprangern, ist dank Wikileaks nun endlich schwarz auf weiß bewiesen.

Es gibt noch viel mehr zu entdecken. Fangen wir an.

nachgetragen

 

Update 10.12.2010: Auch der Guardian hat das Thema „Shell“ in Nigeria bereits aufgegriffen.

 

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