Acht Minuten

Acht Minuten Sinkflug.

Acht unendliche Minuten Hölle.

Und dann: „We could hear the cries minutes before the plane crashed.“
(Aus der Pressekonferenz zum Cockpit Voice Recorder)

Man kann den Opfern ihre Qualen nachträglich nicht mehr erleichtern. Aber man kann den Angehörigen ersparen, sie mit dem Wissen um solche Informationen auf schäbigste Art und Weise auszubeuten.

Liebe Medien, das ist (wahrscheinlich eher war) so ziemlich die letzte Chance, Euren Ruf zu retten. Aber wenn selbst die ach so seriöse New York Times es nötig hat, Fotos von Opfern und Angehörigen zu zeigen (nope, keine Verlinkung!), und ein Kai Diekmann sich auf „journalistische Standards“ berufen kann (und damit in einer Reihe mit den „seriösen“ Medien steht, siehe New York Times), dann ist das ein Journalismus, der seinen Namen nicht verdient, und mit dem ich nichts mehr zu tun haben möchte. Den Vogel hat aber tatsächlich der Hessische Rundfunk abgeschossen.  Man beachte Datum und Uhrzeit und vor allem die Reaktionen des hr.

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Will ich nicht. Nicht sehen, nicht hören. Nicht bezahlen.

Ich gebe zu, dass ich manchmal komische Fantasien habe. Zum Beispiel im Januar 1986, nach der Explosion der Challenger. Als alle Zeitungen – auch die sogenannten seriösen – auf der Titelseite ein Foto der Menschen abdruckten, die gerade zusehen mussten, wie ihre Angehörigen mitsamt der Raumfähre explodierten. Ich stellte mir vor, es sei ein hübscher Anblick, denjenigen, die sich nicht dafür schämen, solche Fotos zu machen, ihre (vorzugsweise Tele-)Objektive, und denjenigen, die solche Fotos kaufen, um damit ihre Auflagen zu steigern, ihre bedruckten Papierprodukte in den Rachen zu stopfen. Tief in den Rachen.

Zurzeit geht es mir ähnlich. Wenn ich höre, dass die Presse die Schule belagert, an der um die 16 SchülerInnen und 2 Lehrerinnen getrauert wird, die beim gestrigen Flugzeugabsturz über den Alpen ums Leben gekommen sind, dann stelle ich mir vor, dass so ein Sondereinsatzkommando der Polizei mitsamt Pfefferspray und Schlagstöcken sich dort sehr gut machen würde. Mit Wasserwerfern. Vergesst bloß nicht die Wasserwerfer.

Gut, ich muss mir die Bilder nicht ansehen, ich kann Radio und Fernseher ausschalten. Ich kann Zeitungen und Zeitschriften liegen lassen. Tu ich auch, denn das widert mich an.

Wenn aber etwa ein WDR*-Reporter keine vier Stunden nach dem Unglück einer hörbar geschockten jugendlichen Schülerin sein fettiges Mikro ins Gesicht hält, um einen möglichst betroffenen O-Ton präsentieren zu können, dann kann ich zwar das Radio abschalten. Aber bezahlt habe ich den Mist trotzdem.

Ich will das nicht. Das ist ekelhaft und so ziemlich das Allerletzte, was man einem Menschen, der gerade einen Angehörigen oder Freund oder eine Mitschülerin oder Arbeitskollegen oder Nachbarin verloren hat, antun kann. Und niemand, wirklich niemand hat irgendetwas davon außer sensationsgeilen, wohlig schaudernden Zuschauern und Leserinnen und denjenigen, die so etwas benutzen, um Auflage, Klickzahlen, Einschaltquoten zu steigern.

Mit welchem Recht wird das von meinen Rundfunkgebühren bezahlt?

*Der WDR, das ist der Sender, der Teil einer Sendeanstalt ist, die stolz verkündet, keine Bilder von trauernden Angehörigen zu teilen. Aber geschockte MitschülerInnen sind ja schließlich keine Angehörigen, wer will denn da schon kleinlich sein. Und – ach, ich Doofie, sie schreiben ja „in den sozialen Kanälen von @ARDde“. In den Sendungen ist das doch ganz, ganz was anderes.

Ohne Worte

Von der Realität überholt

Da hab ich doch vor einiger Zeit ganz naiv und ironisch (dachte ich) ein paar Vorschläge zur neutralen Behandlung von Menschen mit mehr und Menschen mit weniger Geld gemacht. Stellt sich heraus, die Realität ist schon längst viel weiter: In Wien kann man schon ganz neutral Zwei-Klassen-Schwimmen praktizieren.

Durch die Tür hinaus, zur linken Reihe, jeder nur eine Brechtüte (herzlichen Glückwunsch zum 75. übrigens, John Cleese, alles Gute, Gesundheit und langes Leben!).

 

 

 

O Captain! My Captain!

Danke, Robin.

 

 

Post von den Taliban

Dass die Taliban in Pakistan mehrere Mädchen im Teenageralter niedergeschossen haben, hat wohl niemand vergessen, zumal Malala Yousafzai vor einigen Tagen eine Rede vor den UN gehalten hat und sich weiter unerschrocken für Bildung für Mädchen einsetzt.

Adnan Rasheed, ein Führungsmitglied der Taliban, hat ihr jetzt einen Brief geschrieben. Der Guardian zitiert daraus leider nur Bruchstücke, zumindest scheint der Brief eine Begründung für das Attentat zu enthalten. Aber das ist gar nicht der interessante Teil. Der ist das hier:

„If you were shot [by] Americans in a drone attack, would [the] world have ever heard updates on your medical status? … Would you were called to UN? Would a Malala day be announced?“

(„Wärest Du von Amerikanern bei einem Drohnenangriff beschossen worden, hätte die Welt Infos zu Deinem Gesundheitszustand erhalten? … Wärest Du von den UN berufen worden? Würde es einen Malala-Tag geben?“ – Übers. von mir)

Quelle: Guardian

Es ist beschämend, dass er völlig recht hat.

Fragen zum Fall Mollath

Der Fall des Gustl Mollath, der seit Jahren in der geschlossenen Psychiatrie sitzt, weil er unter anderem Schwarzgeldgeschäfte der Hypovereinsbank angezeigt hat, die ihm als Wahnvorstellungen ausgelegt wurden, beschäftigt seit einiger Zeit Presse und Öffentlichkeit – den Anfang machte wohl die Sendung „Report“ aus Mainz vom 13. Dezember 2011.

Seitdem wird viel gemutmaßt, recherchiert und geschrieben. Der größte Teil der Medien ist sich einig, dass hier ein Fehlurteil vorliegt. Am 12. Juni dieses Jahres hat das Landgericht Bayreuth nach einer Anhörung entschieden, dass Mollath für mindestens ein weiteres Jahr in der Psychiatrie bleiben muss. Es stützt sich dabei auf die „rechtskräftige Tatsachenfeststellung“ aus dem Urteil des Landgerichts Nürnberg-Fürth vom 8. August 2006.

Vielleicht hat Mollath seine Frau geschlagen. Vielleicht hat er Autoreifen zerstochen. Vielleicht aber auch nicht, ich vermag das nicht zu beurteilen. Aber reicht so etwas tatsächlich für die Einweisung in die geschlossene Psychiatrie? Dann müsste es demnächst dort mächtig voll werden.

Er habe eine paranoide Gedankenwelt entwickelt und sei deshalb schuldunfähig, heißt es. Ein Teil davon, Schwarzgeldgeschäfte des Ex-Arbeitgebers seiner Ex-Frau, sind anscheinend inzwischen erwiesen. Woraus der andere Teil, der nicht erwiesene, besteht, verschweigen uns die Medien.

Im Gegensatz zu vielen anderen, die angeben, Erstgutachter Klaus Leipziger ebenso wie andere Gutachter habe Mollath selbst nie persönlich gesehen, schreibt Spiegel-Autorin Beate Lakotta, Leipziger erlebte Mollath fünf Wochen lang auf seiner Station. Mollath sei dort spärlich bekleidet herumgelaufen, habe das Waschen verweigert und Angst gehabt, dass man ihn in der Klinik mit Seife vergiften wolle. Das mag bizarr sein, nicht der Norm entsprechen – aber ein Fall für jahrelange Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie? Worin besteht die Möglichkeit der Eigen- oder Fremdgefährdung, wenn sich einer nicht wäscht? Ich würde sagen, baut schon mal an, wir brauchen deutlich mehr Platz in den psychiatrischen Einrichtungen, wenn das für eine jahrelange Einweisung ausreicht.

Aber was ich mich vor allem frage, ist Folgendes: Wie kann ein Urteil Bestand haben, in dessen Verfahren der Vorsitzende Richter selbst angibt, die Verteidigungsschrift nicht gelesen zu haben? In dem Zeugenaussagen nicht berücksichtigt werden? Wie kann solch ein Urteil als Basis für eine Entscheidung dienen, einen Menschen weiterhin wegzusperren? Der Richter habe anderes zu tun gehabt, zudem sei seine Frau krank gewesen. Äh, bitte? Letzteres ist schlimm, vor allem für die Frau, keine Frage, aber dies soll ernsthaft als Entschuldigung dafür gelten, einen Job ausgerechnet als Richter, der im Zweifelsfall (nicht allein, aber als Vorsitzender Richter in einem Posten mit besonderer Verantwortung) über eine ganze Biografie entscheidet, schlampig auszuführen? Die Unabhängigkeit der Justiz besteht besonders in diesem Lande aus einem guten Grund. Aber sie besteht nicht um ihrer selbst willen, das haben anscheinend viele vergessen.

Wie gesagt, ich vermag nicht zu beurteilen, ob Gustl Mollath die ihm zur Last gelegten Taten begangen hat. Auch kann ich nicht wissen, ob er unter Wahnvorstellungen leidet und ob diese, falls es so sein sollte, so gravierend sind, dass er auf Jahre hinaus eine Gefahr für sich oder andere darstellt (hier übrigens mal ein paar willkürlich herausgesuchte Urteile mit Haftstrafen bei Vergewaltigung). Aber ob er einen fairen, eines Rechtsstaates würdigen Prozess bekommen hat, das wage ich bei meinem jetzigen Kenntnisstand doch zu bezweifeln.

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Edit: Zwei Mal „Ex-“ ergänzt.

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Nachtrag: Frauenquote

Na, da hat sich die Union ja eine tolle Verhinderungsstrategie einen tollen „Kompromiss“ in Sachen Frauenquote einfallen lassen. Und wie immer schreiben die Medien brav die Pressemeldungen ab plappert der Mainstream schön das Märchen vom Kompromiss nach. Immerhin kann man dieser Union nicht vorwerfen, ihre christlichen Werte zu verraten, denn immer noch gilt 1 Kor 14,34f.

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Pferdefleisch noch mal

Fleißig wird weiter DNA-gestestet, veröffentlicht und sich überschlagen, was Forderungen und Versprechungen zu „alles wird besser“ angeht. Letzteres natürlich nur von den Leuten, die nicht gerade mit Amazon beschäftigt sind. Soll heißen: Langsam ist die Sensation ausgelutscht, zum Glück gibt es gleich die nächste.

Letztlich hat aber dieser ganze „Pferdefleischskandal“ auch etwas Gutes, wenn dabei bekannt wird, dass die Zustände bei der Produktion des Pferdefleisches der eigentliche Skandal sind. Auf der Seite des Tierschutzbundes Zürich kann man sich beispielsweise darüber informieren. Und selbst wenn Pferdefleisch vom amerikanischen Kontinent aktuell in den Fertiggerichten hier vermutlich nicht enthalten ist, schadet es wohl nicht, zu wissen, dass auch in den USA Pferdefleisch auf unsägliche Weise „produziert“ wird.

Nun kann man zwar hiesigen Pferdefleischkonsumenten nicht den Vorwurf machen, sie hätten, wie bei Rind oder Schwein oder Huhn oder …, die Zustände für ihr billiges Fleisch in Kauf genommen, denn sie wussten ja nicht einmal, dass sie Pferd essen.

Jetzt soll allerdings niemand mehr sagen können, er/sie habe nichts gewusst!

Zu „bewundern“ ist dieser Umgang mit Pferden übrigens schon in Marilyn Monroes bestem Film, Misfits, von 1961.

http://www.youtube.com/watch?v=kQ3Ae8Od4W4

Leider in sehr schlechter Qualität, aber auf IMDb gibt es ihren Ausbruch zum Nachlesen:

http://www.imdb.com/title/tt0055184/quotes?qt0252482

Scheint sich nicht viel geändert zu haben seitdem.




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Nachgetragen: Zum Friedensnobelpreisträger 2012

„Ich bin die neue Bürgermeisterin von Lampedusa. Ich wurde im Mai 2012 gewählt, und bis zum 3. November wurden mir bereits 21 Leichen von Menschen übergeben, die ertrunken sind, weil sie versuchten, Lampedusa zu erreichen.

Das ist für mich unerträglich und für unsere Insel ein großer Schmerz. Wir mussten andere Bürgermeister der Provinz um Hilfe bitten, um die letzten elf Leichen würdevoll zu bestatten. Wir hatten keine Gräber mehr zur Verfügung. Wir werden neue schaffen, aber jetzt frage ich: Wie groß muss der Friedhof auf meiner Insel noch werden? Ich bin über die Gleichgültigkeit entrüstet, die alle angesteckt zu haben scheint; mich regt das Schweigen von Europa auf, das gerade den Friedensnobelpreis erhalten hat, und nichts sagt, obwohl es hier ein Massaker gibt, bei dem Menschen sterben, als sei es ein Krieg.

Ich bin mehr und mehr davon überzeugt, dass die europäische Einwanderungspolitik diese Menschenopfer in Kauf nimmt, um die Migrationsflüsse einzudämmen. Vielleicht betrachtet sie sie sogar als Abschreckung. Aber wenn für diese Menschen die Reise auf den Kähnen den letzten Funken Hoffnung bedeutet, dann meine ich, dass ihr Tod für Europa eine Schande ist.

Wenn Europa aber so tut, als seien dies nur unsere Toten, dann möchte ich für jeden Ertrunkenen, der mir übergeben wird, ein offizielles Beileidstelegramm erhalten. So als hätte er eine weiße Haut, als sei es unser Sohn, der in den Ferien ertrunken ist.

Gezeichnet: Giusi Nicolini.“

Gefunden auf und Übersetzung von: Pro Asyl

Ohne Worte. Oder doch noch fünf Worte: Fünf Menschen. Jeden. Einzelnen. Tag.

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