Helft Bradley Manning!

Nachdem uns Julian ja nun mehr oder weniger frei ist (zumindest vorerst), ist es vielleicht möglich, die Scheinwerfer auf einen politischen Gefangenen zu richten, der seit sieben Monaten die ganze Bandbreite unmenschlicher Härte des Regimes – der USA, „Land of the Free“, ha ha! –, unter dem er lebt, zu spüren bekommt.

Verhaftet wurde Bradley Manning, weil angenommen wird, dass er das Video, das im Sommer um die Welt ging, weil es zeigt, wie aus einem US-amerikanischen Kampfhubschrauber unter gar lustigen Kommentaren der Besatzung Menschen wie in einem Computerspiel abgeknallt werden, Wikileaks zugespielt haben soll, ebenso wie die Diplomaten-Depeschen, die derzeit veröffentlicht werden und mal für mehr, mal für weniger Wirbel sorgen.

Er soll vor ein US-Kriegsgericht gestellt werden und wird mit bis zu 52 Jahren Haft bedroht. Weil das offensichtlich noch nicht reicht, wird er zusätzlich in Einzelhaft gehalten, darf sich nicht durch Gymnastik oder Ähnliches fit halten, selbstverständlich nichts Aktuelles im Fernsehen anschauen und hat weder Kissen noch Decke in seiner Zelle. Natürlich alles zu seinem eigenen Schutz. In Zynismus waren Militärs (nicht nur US-amerikanische) immer schon gut.

Was sie sonst noch alles mit dem jetzt 23-Jährigen anstellen, um ihn zu brechen, kann man sich lebhaft vorstellen, wenn man in den letzten Jahren die Nachrichten verfolgt hat. Freunde berichten, dass sich sowohl sein körperlicher als auch sein psychischer Zustand sichtbar verschlechtert. Zusätzlich werden auch seine Freunde schikaniert.

Dass die US-amerikanische Regierung versucht, Julian Assange in ihre schmutzigen Finger zu bekommen, ist kein Geheimnis. Jetzt versuchen sie offensichtlich, Bradley Manning dafür zu benutzen. Er soll nur „zugeben“, von Assange angestiftet worden zu sein – zur Belohnung soll er nach den sieben zermürbenden Monaten in militärischer Einzelhaft in ein Zivilgefängnis umziehen dürfen.

Geht es noch widerlicher? Und das unter einem Präsidenten mit Friedensnobelpreis (das wird wohl als der größte und schlechteste Witz des Nobelkomitees in die Geschichte eingehen).

Wo bleibt eigentlich Hollywood mit den „Free Manning“-Aktionen? Oder muss man, um derart illustre Unterstützung zu erhalten, erst ein Kind vergewaltigen?

Wo bleiben Aktionen von „Anonymus“ zugunsten von Manning und/oder gegen Adrian Lamo?

Kriegsverbrechen aufzudecken ist kein Verbrechen! Es gibt vielleicht ein Wikileaks ohne Julian Assange, aber ohne Bradley Manning gäbe es kein „Collateral Murder“ und kein „Cablegate“.

nachgetragen

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Wikileaks zeigt: Es gibt noch Hoffnung

Man muss Julian Assange nicht mögen. Man kann ihn sogar ganz aktiv blöd finden. Vielleicht ist er ein arroganter Selbstdarsteller oder hat einen autoritären Führungsstil. Vielleicht aber auch nicht. Ich weiß es nicht, es ist mir auch egal. Denn Assange ist zwar der Gründer von Wikileaks, aber er ist nicht die Organisation, sondern ihr Gesicht, auf das sich dumpf die reaktionären Elemente einschießen.

Er hat sich den Behörden gestellt (Schlagzeilen wie „Assange verhaftet“, „Flucht beendet“ oder Ähnliches machen natürlich viel mehr her als „Er ging selbst zur Polizei“) und damit Mut bewiesen und das einzig Richtige getan (vielleicht schauen Sie noch mal genau hin, wie’s geht, Herr Polanski?). Sollen die schwedischen Gerichte klären, ob er sich strafbar gemacht hat oder nicht. Diejenigen, die ihn per se für unschuldig halten, weil seine Organisation Wikileaks gute Arbeit macht, und nun auf die bösen feministischen Schlampen eindreschen, die es wagen, ihn mit Schmutz zu bewerfen, können dies genauso wenig beurteilen wie diejenigen, die Assange aus dem gleichen Grund für jeder Teufelei fähig halten und für den Untergang der Politik (und damit ihrer Privilegien der ganzen Welt) verantwortlich machen. (Über die zeitlichen Abläufe und einiges andere kann man sich allerdings sehr wundern.)

Was man aber auf keinen Fall tun sollte, ist so einen offensichtlich manipulativen schlecht recherchierten Kommentar ins Internet zu stellen wie Stefan Kornelius bei der SZ.

Julian Assange ist kein Heiliger? Soll wohl heißen, wer nicht mindestens den Segen vom Papst hat („Voraussetzung sind Martyrium oder heroischer Tugendgrad des Betreffenden sowie im Falle des Nicht-Martyriums der Nachweis eines Wunders.“), darf nicht daran mitarbeiten, Geheimnisse, Lügen und das wahre Gesicht von Politik aufzudecken.

Wobei der Aspekt mit dem Martyrium höchst interessant ist – wahrscheinlich für Assange selbst weniger –, denn ich bin mir sicher, dass es bereits Kräfte gibt, die daran arbeiten.

Und dann verlässt Assange Schweden auch noch, nachdem der Haftbefehl gegen ihn aufgehoben wurde. Das ist mal wirklich ein echter Hammer.

Aber es gibt Hoffnung. Die zum jetzigen Zeitpunkt 352 Leserkommentare zum Artikel entlarven dessen Schwächen und Manipulationsversuche schonungslos. Es gibt sie noch, die denkenden Menschen, die sich nicht jeden Schwachsinn vorsetzen lassen. Und dank Organisationen wie Wikileaks werden es hoffentlich immer mehr.

Wer sich übrigens die wirklichen Knaller der veröffentlichten US-Depeschen ansehen möchte, die über mehr Auskunft geben als über Putins Alphatier-Verhalten und Merkels Fantasielosigkeit, sollte sich beim Guardian umschauen. Denn im Gegensatz zur deutschen Presse hat dieser es geschafft, die „Cables“ wirklich aufzubereiten und vor allem lesbar zur Verfügung zu stellen, anstatt mit Boulevardnachrichten und Informationshäppchen eine Ablenkungstaktik zu fahren.

Dort finden sich dann beispielsweise Schätzchen wie „Shell sagt ’wir haben Leute in allen wichtigen nigerianischen Ministerien’“. Was besonders interessant ist vor dem Hintergrund solcher dreisten Lügen Äußerungen:

Shell ein „Staat im Staate“ oder „Corporate Citizen“?

Ein mächtiger Staat im Staate, der sein Geld auf Kosten von Mensch und Umwelt verdiene, sagen die Kritiker. Pressesprecher Bobo Brown von Shell Nigeria wehrt sich – und schiebt den Schwarzen Peter der nigerianischen Regierung zu: „In Wahrheit sind wir doch nur eine Firma und keine Parallel-Regierung“, sagt er. Shells Einfluss auf die Regierung Nigerias habe seine Grenzen – und das sei auch gut so. „Denn Shell versteht sich als sozial engagiertes Unternehmen, als ‚Corporate Citizen‘“, so der Pressesprecher.

Quelle: tagesschau.de

Was die gern als Umweltspinner und Ökofreaks abgewerteten Mahner schon lange anprangern, ist dank Wikileaks nun endlich schwarz auf weiß bewiesen.

Es gibt noch viel mehr zu entdecken. Fangen wir an.

nachgetragen

 

Update 10.12.2010: Auch der Guardian hat das Thema „Shell“ in Nigeria bereits aufgegriffen.

 

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Wikileaks: Ist das euer Ernst?

Der Guardian listet heute auf, welche Organisationen in den letzten Tagen mit welcher Begründung Wikileaks ihre Dienste entzogen haben.

Es ist nicht nur erschreckend, mit welchen fadenscheinigen Begründungen versucht wird, die durch Wikileaks ermöglichte Informationsfreiheit zu ersticken.

Fast noch schlimmer finde ich, für wie bescheuert diejenigen uns halten müssen, die diese fadenscheinigen Begründungen erfinden und veröffentlichen. Glauben die allen Ernstes, dass das überzeugend ist? Dass wir ihnen das abnehmen, dass sie total zufällig gerade jetzt daraufkommen, dass Wikileaks bzw. Julian Assange gegen ihre AGB verstoßen, und dass die Maßnahmen aber überhaupt rein gar nichts mit den Wikileaks-Veröffentlichungen zu tun haben? Hallo? Danke, ihr mich auch.

nachgetragen

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Wikileaks: Honi soit …

qui mal y pense.

Halten wir fest:

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Wer spielt hier das schmutzigere Spiel? Wo die Wahrheit liegt, werden wir wohl niemals erfahren. Sicher wissen wir nur, dass die zwei betroffenen Frauen missbraucht wurden – entweder von Assange oder von der Politik.

nachgetragen

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Update 2.12.2010: Auf der Seite „Liberal Conspiracy“ wird behauptet, dass der Vorwurf der schwedischen Behörden gegen Assange gar nicht auf Vergewaltigung lautet. Es soll darum gehen, dass die Frauen, mit denen Assange einvernehmlichen Sex ohne Kondom hatte, im Nachhinein mit der Tatsache, dass es ohne Kondom stattfand, nicht mehr einverstanden waren (was mich vermuten lässt, dass es sich um Prostituierte handelt, zumal sich ein Freier in Schweden ja m. W. sowieso strafbar macht). „Das Einverständnis beider Frauen zum Sex mit Assange wurde von der Staatsanwaltschaft bestätigt“, heißt es weiter auf der Seite – leider ohne Quellenangabe.

Sollte das so stimmen, wird die Sache vollends schräg (vorsichtig ausgedrückt). Auch auf die Berichterstattung selbst solcher für seriös und gut recherchiert gehaltener Medien wie etwa tagesschau.de würfe das kein gutes Licht.

Update 3.12.2010: Jetzt also doch Vergewaltigung? Oder so was Ähnliches. Derzeit blicken wohl nur noch die Juristen durch, die damit beauftragt sind, die Vorwürfe zu konstruieren konkretisieren.

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