Gehört der Islam zu Deutschland? Eine Antwort an Monika Maron

Monika Maron hat heute im Tagesspiegel eine Bühne bekommen, um einschlägig bejubelt mitzuteilen, dass der Islam ihrer Meinung nach, und ganz im Gegensatz zur von Bundespräsident Christian Wulff geäußerten Meinung, nicht zu Deutschland gehört. Hier ist meine Antwort.

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Sehr geehrte Frau Maron,

angesichts der Rede von Christian Wulff kann einem tatsächlich der Atem stocken. Nicht wegen der Rede selbst, sondern wegen der fundamentalistischen, intoleranten Reaktionen darauf. Ihren Gastkommentar im Tagesspiegel, Frau Maron, zähle ich ebenso dazu wie die (wenig überraschenden) Reaktionen aus der CSU.

Wer das Christentum wörtlich nimmt, kollidiert mit unserer Kultur. Das ist ebenso unstrittig wie die Tatsache, dass ein wörtlich genommener Islam mit unserer Kultur kollidiert. Diese Betrachtungsweise ignoriert und beleidigt aber die Mehrheit der nicht politisch-fundamentalistisch ausgerichteten Christen ebenso wie der Muslime, die, gläubig oder nicht, in diesem Land leben und die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Allein die Tatsache, dass es eine große Anzahl deutscher Staatsbürger muslimischen Glaubens gibt, begründet die Zugehörigkeit des Islam zu diesem Land. Das mag manchen Ewiggestrigen nun gefallen oder nicht. Besser für alle wäre es, endlich aufzuhören mit der historisch nur allzu bekannten Unterscheidung zwischen den „echten Deutschen“ und den Angehörigen einer „fremden Religion“ wahlweise Kultur. Ja, damit haben Deutsche vor 77 Jahren viele Erfahrungen gesammelt, die niemanden weitergebracht haben, am allerwenigsten die „echten Deutschen“ – von den Juden ganz zu schweigen. Diese Tatsache als Argument zu benutzen, erneut Menschen aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit ausgrenzen zu wollen, bedarf schon einer erheblichen Kaltschnäuzigkeit.

Was der Islam mit dem Tag der deutschen Einheit zu tun hat? Wer das noch fragen muss, angesichts von Diskriminierung und Vorurteilen wie dem in Ihrem Gastkommentar, hat von deutscher Geschichte nichts begriffen. Gut, das ist redundant, denn wer meint, über den Islam sprechen zu können, disqualifiziert sich selbst. Wer oder was ist bitte der Islam? Ditib? Milli Görüs? Ist der Papst oder die katholische Kirche das Christentum? Gibt es etwa keine fundamentalistischen Christen, die selbst vor Mord nicht zurückschrecken? Sind die das Christentum?

Fundamentalismus hat in einem aufgeklärten Staat nichts zu suchen, ungeachtet des jeweils aufgeklebten Etiketts. Solange in Deutschland trotz im Grundgesetz postulierter Trennung von Kirche und Staat die christlichen Kirchen Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen, sehe ich hier genauso eine Gefahr wie bei islamischen Organisationen, die dasselbe versuchen. Beiden gehören die Grenzen einer säkularen Gesellschaft und Kultur aufgezeigt.

Ich weiß nicht, ob Sie die Bibel gelesen haben, Frau Maron. Ich habe. Und die Bibel, Grundlage der Schriftreligion Christentum, spricht von Unterdrückung der Frauen, vom Töten der Heiden (so sie sich nicht bekehren lassen) und vom allein selig machenden Gott, der keine anderen Götter neben sich duldet – und schon gar keine anderen Religionen.

Es leben Menschen in Deutschland, die aus der christlichen Kirche aus guten Gründen geflohen – ausgetreten – sind. Trotzdem werden von ihren Steuergeldern christliche Bischöfe bezahlt und christliche Einrichtungen finanziert. Auch die Steuergelder muslimischer Deutscher fließen in die christliche Kirche.

„Muslime“ werden nur von Leuten wie Ihnen in erster Linie zu Muslimen gemacht, in Verkennung ihres Menschseins und ihrer Staatsbürgerschaft. Und nein, sie sind nicht „Türken, Iraner, Libanesen, Ägypter“, sondern Deutsche.

Leute, die meinen, das Fremde müsse ewig fremd bleiben, gehöre nicht zu Deutschland, haben nichts aus der Geschichte gelernt. Leute, die die Aussage von Christian Wulff: „Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“ umdeuten in eine Gleichsetzung von christlich-jüdischer Geschichte mit dem Islam, „der nun zu Deutschland gehören soll“, sind nicht in der Lage, historische Tatsachen von zeitgeschichtlicher Entwicklung zu trennen.

Der Islam und seine Anhänger spielten in der deutschen Geschichte lange Zeit keine große Rolle – lässt man unser komplettes Zahlensystem und diverse andere kulturelle Errungenschaften, von denen Deutschland auch historisch schon beeinflusst wurde und bis heute profitiert, außer Acht. Davon auszugehen, dass dies immer so bleiben müsse, zeugt von Erstarrung und mangelnder Flexibilität innerhalb einer zunehmend globaler agierenden Menschheit. Die ersten Moslems, die in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts nach Deutschland gekommen sind, mögen Türken gewesen sein (wobei ich bezweifle, dass sie wirklich die ersten waren). Heute sind sie zum größten Teil Deutsche. Sie genießen nicht nur den Schutz des Grundgesetzes mit der darin verbürgten Religionsfreiheit als gnädig von „uns“ an die „anderen“ gewährtes Almosen, sondern sie gehören zu diesem Land. Mit allen Problemen und Vorteilen, die sich daraus ergeben. Diese Tatsache werden Sie durch Ihre Ausgrenzungsversuche nicht aus der Welt schaffen. Und das ist auch gut so.

nachgetragen

Update 6.10.2010: War ja klar, dass auch Henryk Mittelinitial Broder nicht stillhalten kann, wenn es gegen den Islam geht. Aber für Manches ist selbst mir meine Zeit zu schade.

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Islamismus vs. Christismus?

Mit den Worten Islamisten und Islamismus werden im Allgemeinen moslemische Fundamentalisten und ihre Denkweise bezeichnet. Ich frage mich seit einiger Zeit, ob es auch Christisten und Christismus gibt? Und sind Buddhismus oder Hinduismus per se fundamentalistisch, oder ist die Ismus-Ähnlichkeit doch nur Zufall?

Hält eigentlich wirklich irgendjemand Menschen, die morden und dafür eine Religion als Vorwand benutzen, für echte Anhänger derselben? Glaubt ernsthaft jemand, Gaddafi hat aus islamischer Überzeugung zum „Heiligen Krieg“ gegen die Schweiz aufgerufen?

Wie war das eigentlich in Nordirland, als abartige Irre auf Schulkinder(!) geschossen(!) haben, weil sie die falsche christliche(!) Konfession hatten? Während des gesamten Nordirland-Konflikts mit seinen unzähligen Toten habe ich nie eine Debatte über das Christentum und dessen gewalttätige Wurzeln mitbekommen – geschweige denn eine Christentum-Konferenz.

Was ist eigentlich von selbst ernannten christlichen Lebensschützern zu halten, die morden, ohne auch nur den geringsten Widerspruch darin zu erkennen?
Was ist mit denen, die in Deutschland – vorgeblich im Namen ihrer Religion – in die Gesetzgebung hineinreden und ihre kruden Wertvorstellungen auch denjenigen aufzwingen wollen, die mit dieser Religion so gar nichts am Hut haben?

Alles nur von den „Linken“ erfunden … (denen kann man anscheinend so ziemlich alles anhängen).

Gewalttäter sind Gewalttäter und Mörder sind Mörder, egal was sie sich auf ihre Fahnen schreiben – ob da nun ein Kreuz, ein Halbmond oder Buddha drauf ist, ist absolut egal. Das Problem heißt Fundamentalismus, und das gibt es wahrscheinlich in jeder Religion. Ich möchte bitte in diesem Land keine Islam- oder Islamismus-, sondern eine Fundamentalismus-Debatte. ALLEN Fundamentalisten gehört das Handwerk gelegt.

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