Neulich beim Nachrichtenlesen …

Gibt es eigentlich einen Preis für die schlechteste Schlagzeile der Republik? Falls nicht, muss er dringend eingeführt werden, falls ja, habe ich soeben die heißesten Anwärter auf die Auszeichnung entdeckt:

von Spiegel.de und

auf FTD.de

Ich kann mich gar nicht entscheiden, welche schlechter ist. Man sollte den Preis teilen.

Ganz abgesehen davon, dass ich mich frage, wieso diese „Neuigkeit“ es in die Top-Nachrichten-Feeds geschafft hat.

nachgetragen

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Von Blöffsäcken und anderen Sprachkünstlern

Auf Weltwoche online hat Daniela Niederberger einen Kommentar mit dem Titel „Blöffsack-Journalismus“ veröffentlicht, in dem sie ihre ideenlosen, nur auf Egopolitur bedachten KollegInnen geißelt.

Diese bösen Menschen schreiben über so wichtige Themen wie „den besten Koch der Welt“ oder „den teuersten Fisch der Welt“ – und das nur, weil ihnen nichts Besseres einfällt. Meint zumindest Frau N., die so etwas natürlich niemals nicht tun würde. Dafür hat sie sich eines anderen Vergehens schuldig gemacht, wie sie großzügigerweise zugibt:

Jetzt wüsst ich aber mal gern: Seit wann bitte ist es ein Zeichen von Reife, anderen die Fehler vorzuwerfen, die man selbst gemacht hat? Die Einsicht, selbst mal etwas falsch gemacht zu haben (in grauer Vorzeit natürlich, fast schon prähistorisch und kaum noch der Rede wert), ist ja schön und gut, aber dann anderen, die wahrscheinlich aus genau denselben Gründen genau dieselben Fehler machen, diese dann vorzuwerfen, nenne ich selbstgerecht.

Den Austeil-Journalismus findet die Frau N. billig. Und ich überlege die ganze Zeit, wie man das nennt, was sie da in ihrem Kommentar betreibt …

Nun ja, eine Feststellung stimmt immerhin: Es ist nicht verboten, reifer zu werden. Vielleicht macht Frau N. von diesem Nicht-Verbot ja auch irgendwann einmal Gebrauch.

Richtig lustig wird die Sache dann, wenn man in der Weltwoche, diesem Hort der Qualität, auf „Stellenangebot“ klickt:

„Offene Vakanzen“? Fremdwörterisch is schon schwer, nech …

So ähnlich muss das auch den Jugendwort-Spezialisten bei Langenscheidt gegangen sein. Dort läuft die Abstimmung zum Jugendwort des Jahres 2010.

Wer um alles in der Welt kommt auf die Idee, „Lohas“, das Marketing-Akronym für „Lifestyle of Health and Sustainability“, der Jugendsprache zuzuordnen?

Alle doof, außer ich.

nachgetragen

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Journalisten vs. gesunder Menschenverstand

Mal wieder, immer wieder ein Thema: Denken Journalisten auch mal nach beim (Ab-)Schreiben bei Copy-Paste?

Da wird am 27.2.2010 ein Erdbeben der Stärke 8,8(!) um 7.34 MEZ direkt vor Chiles Küste gemeldet. Um 11.00 MEZ ist in den Radionachrichten zu hören, dass es große Schäden an Gebäuden gibt, dass besonders ältere Bauwerke eingestürzt sind und dass ein von diesem Erdbeben ausgelöster Tsunami im Pazifik unterwegs ist.  Weiterhin werden sechs (6) Tote gemeldet.

Wollen die mich verarschen? Jedes Schulkind kann sich an den Fingern ausrechnen, dass die Zahl der Opfer weit höher liegen wird. Was denkt jemand, der solche Nachrichten schreibt? Und was derjenige, der solche Nachrichten von den Nachrichtenagenturen übernimmt? Denkt überhaupt jemand dabei?

Um 16.52 MEZ liegt die Zahl der Nachrichten-Toten bereits bei 85, um 17.52 Uhr bei 122*. Bin ich sehr verwegen, wenn ich behaupte, die Zahl wird letztlich weit höher liegen?

Auch beim Erdbeben in Haiti am 13.1.2010 war in den ersten Radionachrichten von etwa 20 Toten, dann von „Hunderten“ die Rede. Heute schätzt die Regierung die Zahl der Opfer auf mehr als 210.000.

Nach den am 26.12.2004 in den Radionachrichten geschätzten 60 rechnete man am 27.12. nach dem Erdbeben vor Indonesien mit nachfolgendem Tsunami immerhin schon mit „mehr als 11.000 Toten“. Am 28.12. verstieg man sich zu der mutigen Aussage von 24.000 Toten. Wir erinnern uns: Die letzten Zahlen liegen auch hier bei weit über 200.000 Opfern.

Wäre der Anlass nicht jedes Mal ein so schrecklicher, es wäre lachhaft. Da erzählt mir ein Nachrichtensprecher, dass ein Tsunami eine Insel überrollt hat und sämtliche Kontaktmöglichkeiten dorthin unterbrochen sind und verkündet im gleichen Atemzug etwa 60 Tote.

Es ist keine besonders zu würdigende journalistische Leistung, zwei Stunden nach einer Katastrophe die amtlich und von den großen Nachrichtenagenturen bestätigten Toten zu melden, wenn mit ein bisschen gesundem Menschenverstand klar ist, dass diese Zahl nicht annähernd wiedergibt, was tatsächlich passiert ist. Auch das reflexartig davorgesetzte „mindestens“ oder „nach offiziellen Angaben“ reißt es nicht raus.

Warum ist es überhaupt so wichtig, zwei Stunden nach einem Erdbeben Opferzahlen zu nennen? Kann man damit Quote reißen? Sich als besonders seriös darstellen? Was soll der Quatsch? Lasst es einfach bleiben! Der Nachrichtenwert solcher Zahlen ist gleich null!

*tagesschau.de passt die Zahlen an, ohne den Link zu erneuern.
Stand 20.23 Uhr: 140
Stand: 28.02.2010 03:46 Uhr: 300

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Nachtrag: Wenn man dann bei den Nachforschungen zum Thema auch noch solche Meldungen findet, könnte man den letzten Glauben an die Menschheit (Freud’scher Verschreiber: zuerst hatte ich Menschhaie getippt) endgültig verlieren:
Schadensbilanz der Versicherungen: Tsunami „nicht bedeutsam“

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Im Glashaus und so …

Seit Langem halte ich mal wieder eine Printausgabe des bisher von mir geschätzten SZ-Magazins in den Händen. Und stoße gleich auf einen lesenswerten Artikel:
Das zweite Leben der Neda Soltani

Eine Verwechslung, sehr freier Umgang mit Daten fremder Menschen und schlampiger Journalismus zwingen eine iranische Frau ins Asyl.

Zitat:
„Die Verwechslung der Nedas erzählt auch etwas über den Journalismus in Zeiten der Hysterie.“

Ein wahres Wort.

Drei Seiten weiter springt mir der Beweis ins Auge, dass es gar keiner Hysterie bedarf, um aus purer Schlamperei (hoffe ich zumindest, denn alles andere mag ich mir gar nicht vorstellen) falsche Zusammenhänge herzustellen.

Eine Anleitung, wie man sich im Fasching als Lady Gaga verkleidet, nette Idee. Moment – was steht da?. „Rote Schleife – Lady Gaga ist eine Schwulen-Ikone“

Rote Schleife

Was soll mir das jetzt sagen? Die rote Schleife ist das Symbol der Solidarität mit HIV-Infizierten und Aids-Kranken. Mehr als durchschnittliche Allgemeinbildung ist nicht nötig, um das zu wissen, und bei eventuellem Nichtvorhandensein Ersterer hätte eine 30-sekündige Recherche genügt. Was also hat die rote Schleife mit Schwulen zu tun, damit sie eine Sängerin als Schwulenikone ausweist? Ach ja – mit HIV infizieren sich ja nur Schwule. Oder wie war das?

Ich hoffe, die Glasreparatur wird nicht zu teuer.

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Demokratie lernen

Sehr geehrte Damen und Herren Journalisten, sehr geehrte Journaille,

Ihr übt einen wichtigen Beruf aus, für den Ihr gut ausgebildet wurdet. Ihr wisst, worauf es bei einem Essay ankommt, könnt Eure Leser noch das entfernteste Szenario in einer Reportage miterleben lassen und kennt die Ws, die eine Nachricht erst vollständig machen.

Was in Eurer Ausbildung anscheinend nicht vorkam, war Demokratie. Nein, nicht Wahlkampfberichterstattung, nicht Umfragen, nicht die tausendste Erklärung zu Erst- und Zweitstimme bei der Bundestagswahl.
Demokratische Abläufe als solche darzustellen, scheint nicht in Mode zu sein. Da wird eine Wahl, zu der sich mehr als ein Kandidat aufstellen lässt, zur Kampfabstimmung, die unterschwellig gern mit alles zersetzender Anarchie gleichgesetzt wird. Da werden Abgeordnete, die dem Grundgesetz nach ausschließlich ihrem Gewissen verpflichtet sind, zu Abweichlern, wenn die Parteiräson eine gewissenlose Abstimmung erfordert. Da wird die Prüfung der Europäischen Kommission zum Debakel, weil bei einer Kandidatin Zweifel an ihrer Eignung bestehen.

Warum sollten tagelange Gespräche (auf Steuerkosten) mit Kandidaten stattfinden, wenn die Möglichkeit, einen abzulehnen, nur auf dem Papier bestünde? Was ist verwerflich daran, wenn die Wählerinnen die Wahl zwischen mehreren Kandidaten haben? Ist Art. 38 Zif. 1 des Grundgesetzes bekannt?

In den Redaktionen wird gespart, vor allem am Personal. Immer weniger Redakteure sollen immer mehr Arbeit leisten. Da ist es einfach und zeitsparend, die Meldungen der großen Agenturen zu übernehmen. Ist es wirklich genauso einfach, das eigenständige Denken dabei abzustellen?