Nachgetragen: Friedensnobelpreis

So stellt man sich einen Friedensnobelpreisträger vor: Ein Mann, der an der Spitze eines Machtapparates steht, der Menschen wie Edward Snowden um den Globus hetzt (interessante Variante übrigens: Was wäre wohl, wenn Snowden Chinese wäre?), der Bradley Manning mindestens mit lebenslanger Haft bedroht, der – ungeachtet eines Wahlversprechens – immer noch 166 Menschen ohne Anklage und Gerichtsverfahren einsperrt, der nach Belieben Drohnen einsetzt, sei es im In- oder im Ausland (selbstverständlich alles böse Aufständische), der die halbe (wahrscheinlich doch eher die ganze) Welt bespitzelt … die Liste ist noch längst nicht zu Ende.

Was machen eigentlich die Mitglieder des Nobel-Komitees gerade? Gehen die nur noch mit einer Tüte über dem Kopf vor die Tür, damit niemand diese peinlichen Gestalten* erkennt und unangenehme Fragen stellt?

* aus der Begründung des Nobel-Komitees:

Dialog und Verhandlungen sind die bevorzugten Mittel zur Lösung selbst der schwierigsten internationalen Konflikte. (Jo, und Bespitzelung.)

Seine Diplomatie beruht auf dem Konzept, dass diejenigen, die die Welt führen, dies auf der Grundlage von Werten und Haltungen tun müssen, die von der Mehrheit der Weltbevölkerung geteilt werden. (Ich lach mich gleich tot. Ha. Ha.)

Mein Satz des Tages

Truth is coming, and it cannot be stopped.

Edward Snowden

(Gefunden in der Zusammenfassung des Guardian zum gestrigen Q&A mit Edward Snowden, die Original-Fragen und -Antworten stehen hier.)

Demokratie auf Westlich

So richtig viel mediale Beachtung fand es nicht, als die USA wegen der Aufnahme Palästinas in die UNESCO ihre Zahlungen an dieselbe einstellten. Aber immerhin konnte man diese Tatsache aus deutschen Medien erfahren, zum Beispiel hier am 31.10.2011.

Inzwischen scheint bei der Bundesregierung das Telefon geklingelt zu haben, und ein Anrufer aus Übersee muss drangewesen sein, denn jetzt fällt auch der Bundesregierung ein, dass sie die Zahlungen an die UNESCO stoppen wird. Gelesen habe ich das allerdings in den deutschen Nachrichten-Feeds nicht. Muss wohl irgendwie untergegangen sein zwischen Bushidos Bambi und den Profilierungsversuchen von Ramsauer.

Demokratie ist ja schön, aber die sollen doch machen, was wir wollen. Das geht doch nicht, dass die Mehrheit einfach Entscheidungen trifft, die einem nicht in den Kram passen. Da muss man doch mal reagieren dürfen.

Apropos Entscheidungen, die einem nicht in den Kram passen: Mir fällt da gerade einiges ein, sogar jede Menge, liebe Bundesregierung, und deshalb werde ich meine Zahlungen jetzt einstellen, natürlich nur vorerst, bis Ihr zur Vernunft kommt (was das ist, erläutere ich gern in einem separaten Schreiben, das würde hier den Rahmen sprengen). Liebe GEZ, auch Ihr macht dauernd Sachen, die ich doof finde, gleiches Recht für alle. Und liebe GEMA, Du darfst Dich auch mitgemeint fühlen.

Für keinen von Euch habe ich je gestimmt. Und natürlich liegt es mir fern, meinen Zahlungsstopp als politisches Instrument zu nutzen. Ich schwör.

nachgetragen

PS: Liebe UNESCO, Ihr werdet hoffentlich nicht vergessen, rechtzeitig die Gelder für unsere Weltkultur- und -naturerbestätten zu überweisen. Nichts für ungut.

PPS: Liebe Lybier, Syrer, Ägypter, Iraker und Iraner zu Hause vor den Bildschirmen: Bitte nicht nachmachen, das dürfen nur die Erwachsenen.

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Osama bin Laden ist tot

„Er verdient den Tod!“

„Verdient ihn! Das will ich glauben. Viele, die leben, verdienen den Tod. Und manche die sterben, verdienen das Leben. Kannst du es ihnen geben? Dann sei auch nicht so rasch mit einem Todesurteil bei der Hand.“

J. R. R. Tolkien, Herr der Ringe – Die Gefährten

nachgetragen

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Manches ändert sich nie …

Manchmal liest man Bücher, die geschrieben wurden, bevor man geboren war. Und plötzlich meint man beim Lesen, aktuelle Nachrichten in der Hand zu haben.

„Als im August der Gewerkschafter Aissat Idir im Krankenhaus an den Folgen seiner Brandwunden starb, wurde eine Untersuchung eingeleitet: Als Internierter im Lager von Bitraria war er im Januar eines Nachts auf einer brennenden Strohmatratze aufgewacht. Trotz nachdrücklicher Proteste … lautete die Schlussfolgerung, dass er das Feuer durch eigene Unachtsamkeit verursacht habe.“

1963: Simone de Beauvoir, Der Lauf der Dinge

„Heute vor genau fünf Jahren kam an diesem Ort im Gewahrsam der Polizei ein Mensch unter mysteriösen Umständen ums Leben. Er verbrannte in einer der Kellerzellen der Polizeistation von Dessau. Der 37-jährige Asylbewerber Oury Jalloh. Auf dieser Matratze starb er. Angeblich hatte er sich mit einem Feuerzeug selbst angezündet. Und das, obwohl er an Händen und Füßen gefesselt war und die Matratze eine feuerfeste Ummantelung hatte.“

7.1.2010: Monitor, Oury Jalloh. Neuer Prozess um Polizei- und Justizskandal in Dessau

„Im Dezember veröffentlichten Témoignage Chrétien und nachher Le Monde den Bericht eines Priesters, eines Reserveoffiziers, über die … erteilten Weisungen: «Capitaine L. hat uns fünf Richtlinien gegeben …: 1. Die Folter muss angemessen sein. 2. Sie darf nicht in Anwesenheit Jugendlicher stattfinden. 3. Es dürfen keine Sadisten anwesend sein. 4. Sie muss von einem Offizier oder einem Verantwortlichen durchgeführt werden. 5. Sie hat vor allem human zu sein, das heißt, sie muss aufhören, sobald der Mann zu reden beginnt, und sie darf vor allem keine Spuren hinterlassen. Die Schlussfolgerung lautete, dass man unter diesen Voraussetzungen berechtigt sei, Wasser oder elektrischen Strom anzuwenden.»“

1963: Simone de Beauvoir, Der Lauf der Dinge

„Das amerikanische Justizministerium wurde Ende 2004 nicht müde, die Anwendung von Folter bei Verhören zu geißeln. Diesen „abscheulichen“ Methoden stehe man fern. Es schien, als ob man von der Haltung George W. Bushs abrückte, der einen Freischein für die Anwendung brutaler Verhörmethoden ausgestellt hatte.
Doch als im Februar 2005 der inzwischen zurückgetretene Alberto Gonzales ins Justizministerium einzog, wehte dort bald ein anderer Wind. Wie die „New York Times“ unter Berufung auf Beamte im Ministerium berichtet, setzte Gonzales insgeheim Richtlinien durch, nach denen auch die rauesten Verhörmethoden seine Billigung fanden.
Physisch und psychisch schmerzhafte Verhörmethoden wie Schläge gegen die Köpfe von Terrorverdächtigen waren ausdrücklich genehmigt. Ebenso durfte simuliert werden, der Verdächtige werde ertränkt, sollte er nicht reden. Auch war es erlaubt, Inhaftierte in heruntergekühlten Räumen zu halten.“

4.10.2007: Spiegel Online, Kampf gegen Terror. Die geheime Folter-Doktrin der USA

Immerhin findet Obama Folter doof und deshalb ist jetzt alles gut. Schließlich ist ja auch Guantanamo schon seit Anfang 2010 geschlossen.

Und falls doch noch gefoltert wird, weil das Etikett „Folter“ einfach durch das Etikett „Verhörmethode“ ersetzt wird, wird die Veröffentlichung der Bilder verboten. Es ist anzunehmen, dass dieses Gesetz tadellos funktioniert.

nachgetragen


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